Arbeitnehmerfreizügigkeit in Europa – Was heisst das für Bulgarien?

Ab 1.1.2014 bekommen Bulgaren und Rumänien uneingeschränkten Zugang zum (u.a.) deutschen Arbeitsmarkt. Diese Schlagzeile ist dieser Tage kaum zu überhören oder zu überlesen. Die Konsequenzen für Deutschland werden teils polemisch, teils sachlich in den deutschen Medien erörtert. Aber was bedeutet diese Freizügikeit für Bulgarien?

Bulgarien hat ein demografisches Problem. Es sterben mehr Leute als geboren werden, und ein Drittel der Bulgaren lebt bereits im Ausland.  Hinzukommt, das in Bulgarien von der aktuellen Lage keine wirkliche Verbesserung der Lebens- und Einkommenssituation in den nächsten Jahren in Sicht ist. So muss man bei der eingangs gestellten frage differenzieren: Für viele der jungen Absolventen der Universitäten ist es sicherlich eine Chance, nun in Europa für ihre Arbeits- und Geisteskraft eine faire Entlohnung bekommen, gerade in Deutschland, wo der Bedarf an Akademikern größer ist, als das Angebot. In Bulgarien ist das Studium die einzige Ausbildungsmöglichkeit nach dem Schulabschluss, dementsprechend viele Absolventen schließen jedes Jahr ihr Studium ab.

Einen emotionalen Halt  gibt es in Bulgarien nicht in dem Maße, wie man es aus Deutschland kennt, sind doch schon jetzt viele Familien über den ganzen europäischen Kontinent verteilt, es ist eine erschreckende Normalität geworden, dass Kinder, Geschwister oder Eltern viele tausend Kilometer entfernt arbeiten und leben. Das geht teilweise so weit, dass ein gewisser sozialer Druck auf junge Leute ausgeübt wird, sich  Arbeit im Ausland zu suchen, da kaum jemand an eine Chance im Land glaubt.

So wie die Freizügigkeit, die den Bulgaren eine neue Chance bietet, kann sie für den Staat Bulgarien ein Problem werden. Denn Bulgarien braucht mehr als jedes andere Land Kräfte, die das Land  nach vorne bringen, Ingenieure, Architekten – und vor allem Ärzte. Aber noch viel mehr braucht Bulgarien junge Familien, die die Arbeitskräfte der nächsten Generation stellen. Dennoch ist die Freizügigkeit für Arbeitnehmer richtig und wichtig, gar ein Grundpfeiler der EU. Das Problem liegt ganz klar in der bulgarischen Politik. Denn wenn diese es mal schaffen würde, sich statt um sich selbst, um die wirklichen Probleme zu kümmern, gäbe es auch dieses Problem gar nicht erst.

Vielleicht  noch mal ein Wort zu der befürchteten Welle von Armutseinwanderern in Deutschland: Die Freizügigkeit an sich gibt es für Bulgaren und Rumänen schon seit 2007. Die sogenannten Armutsflüchtlinge, also Leute, die Hals über Kopf in reichere Länder ziehen,weil sie zuhause keine Zukunft mehr sehen, sind längst in Deutschland angekommen. Es werden also nur die vermehrt nach Deutschland kommen, die dort tatsächlich Aussicht auf Arbeit haben.

 

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